Wenn Plan A schief geht

Nicht jedes Nähvorhaben kommt zu einem befriedigendem Ergebnis. (Mich würde interessieren, in welchem Verhältnis geglückte Projekte und Fehlschläge stehen – 4:1 vielleicht? Ich habe das bisher nicht festgehalten und vielleicht ist es auch besser, das nicht genau zu wissen.) Für gewöhnlich gehe ich davon aus, dass das Scheitern an mir liegt: an schlampiger Arbeit, nicht vorhandenen Kenntnissen in Schnittkonstruktion oder mangelndem Nähgeschick. Bei der Rae Tunic von Style Arc bin ich mir nicht sicher, ob der Fehlschlag nicht eher am Schnittmuster liegt.

Das Schnittmuster habe ich im vergangenen Winter als Geschenk zu einer Bestellung bei Style Arc dazu bekommen. Rae Tunic ist ein einfaches Shirt mit angeschnittenen Ärmeln, gerundetem Saum und Schlitzen an den Schultern für einen „Cold-Shoulder-Look“. Style Arc bietet zu allen Schnittmustern lediglich Zeichnungen an, keine Fotos vom tatsächlich genähten Kleidungsstück. Ich bin sicher (oder hoffe es zumindest), dass die Designer/innen ihre Entwürfe auch zur Probe nähen. Warum dann keine Fotos gezeigt werden, verstehe ich allerdings nicht. Denn eine Zeichnung ist maximal eine gute Annäherung, im schlimmsten Fall reine Fantasie.

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Bei Rae unterscheidet sich das tatsächlich genähte Shirt ziemlich stark von der Zeichnung:

  • Das Shirt ist in Wirklichkeit sehr lose und vor allem im Brustbereich sehr weit. Zur Hüfte hin wird es enger. Es hat insgesamt eine ausgeprägte V-Form; auf der technischen Zeichnung sieht es eher gerade geschnitten aus.
  • Die Ärmel sind sehr weit und fledermaus-mäßig geschnitten. Sie sind außerdem viel länger als nach der Zeichnung zu vermuten: Sie reichen bis zum Ellbogen und nicht nur bis zum halben Oberarm.
  • Die Ärmelschlitze werden mit einfachem Umschlagen gesäumt und sind zudem viel länger als die Abbildung erwarten lässt. Zumindest bei meinem leichten Stoff haben die Kanten der Schlitze dazu geneigt, unschön nach außen zu aufzuklappen.
  • Der Ausschnitt ist riesig. Der laut Schnittmuster vorgesehene Knopfverschluss im Nacken ist definitiv nicht nötig.

Ich habe keine Bilder von dem missglückten Shirt gemacht. Aber eine rasche Google-Suche liefert Fotos von mehreren Näherinnen, die Rae Tunic umgesetzt haben. Und fast immer sehe ich die selben Probleme, die auch ich mit diesem Shirt hatte.

… dann eben Plan B
Es war relativ früh im Nähprozess klar, dass es mit Rae nichts werden wird; ich habe sehr schnell auf Plan B umgeschwenkt: das Kimonotop aus Ottobre-Magazin 2/2016 (schon einmal genäht und hier gezeigt).

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Im Gegensatz zu Rae ist das Kimonotop wirklich gerade geschnitten, hat aber Brustabnäher, die ein bisschen Form geben. Die Ärmel sind wie bei Rae angeschnitten, aber kurz und keineswegs so weit, dass die Unterwäsche sichtbar wird, sobald man den Arm hebt.

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Von Rae übernommen habe ich die Länge und den gerundeten Saum. Das Kimonotop ist im Original relativ kurz geschnitten und hat einen geraden Saum. Mir gefällt das Top mit dieser Länge und dem geschwungenen Abschluss aber sehr gut.

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Der Halsausschnitt ist mit einen Schrägband aus dem gleichen Stoff versäubert. Ein Verschluss ist nicht nötig. An den Ärmeln und am Saum habe ich die Stoffkante zweimal schmal umgeschlagen und festgesteppt.

Der Stoff stammt aus dem riesigen Stofflager meiner Schwiegermutter. Sie war zu ihrer Zeit eine geschickte und ambitionierte Hobby-Schneiderin, ist aber seit vielen Jahren nicht mehr in der Lage, an der Nähmaschine zu sitzen. Der Stoff mit dem blauen Wellenmuster ist wahrscheinlich Jahrzehnte alt. Die Zusammensetzung kenne ich nicht; der Stoff hat eine Struktur wie Crepe und fühlt sich nach Viskose an. Er fällt sehr weich und schön, beim Nähen neigt er aber dazu sich zu dehnen, wenn man nicht acht gibt. Meine Schwiegermutter hat immer auf gute Stoffqualität wert gelegt, also ist wahrscheinlich auch dieser Crepe aus exquisitem Material.

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Das Rae-Kimonotop trägt sich ausgezeichnet zu schmalen Hosen, aber auch zu Shorts wie hier zu den Burda-Shorts aus dem Vorjahr.

Die Fakten
Schnittmuster: Hybrid aus Rae Tunic von Style Arc und Kimonotop, Modell 13 aus Ottobre-Magazin 2/2016
Größe: 10 (Australien) bzw. 38 (EU)
Stoff: Viskose-Crepe (?)
Zubehör: Nähgarn
Fazit: Ein schönes, luftiges Blusenshirt, das ich diesen Sommer noch viel tragen werde. Das Kimono-Top nähe ich sicher wieder – egal mit welcher Saumlösung. Das Schnittmuster Rae Tunic werde ich nicht mehr verwenden.