Das Dirndl

Seit Monaten leide ich unter chronischer Näh-Unlust. Leidtragende war in erster Linie meine Tochter. In einem Anfall von Leichtsinn habe ich ihr nämlich im letzten Herbst versprochen, ihr ein Dirndl zu nähen.

Mademoiselle wünschte sich eine Tracht in eher ungewöhnlicher Farbkombination: Schwarz-Anthrazit-Pink. Herr L. spendierte ihr zu ihrem Geburtstag im vergangenen Oktober die Stoffe: Anthrazitfarbene Baumwolle für das Leibl, schwerer, schwarzer Leinen mit eingewebtem Blümchen für den Rock und eine Seidenmischung in Altrosa für die Schürze.

Danach stand die Auswahl eines Schnittmusters an. Mademoiselle wollte ein sehr schlichtes Dirndl: keine Schnürungen, Raffungen, Froschgoscherl-Borten – nicht einmal Paspelierungen waren erwünscht. Bei der Auflösung des Haushalts meiner Schwiegermutter, früher eine ambitionierte Hobbyschneiderin, fiel mir dieses Buch in die Hände:

Christl Schöffer, Hannelore Rosenberger: Alte Volkskunst. Trachten aus und rund um Wien. Ein Werkbuch mit Schnittmusterbogen. Leopold Stocker Verlag, Graz 1985.

Der Schnittmusterbogen bietet einen sehr reduzierten Grundschnitt für das Leibl (und die Bluse – aber die wollte Mademoiselle nicht). Der Grundschnitt … „hat im Vorderteil immer nur einen Brustzwickel, der von der Taille zur Brustspitze reicht … Der Rücken weist die Rundnaht auf. Dabei ist darauf zu achten, daß sie immer im unteren Drittel des Armloches beginnt und, harmonisch auf die Proportionen achtend, zur Taille verläuft. … einen Grundschnitt, in den erst während der Probe beim gut ausprobierten Leibl die gewünschten Hals- und Armlochausschnitte eingezeichnet werden.“

Ich kann versichern, dass ich das Leibl tatsächlich gut ausprobiert habe! Vier Probemodelle habe ich aus alten Bettüchern genäht. Den einzelnen Brustzwickel haben Mademoiselle und ich schnell verworfen; der Tüten-Effekt war fürchterlich. Es folgte eine Variante mit zwei Abnähern und schließlich die Änderung auf Wiener Nähte – auch wenn Christl Schöffer und Hannelore Rosenberger mahnen: „Eine Rundnaht oder ein Einnäher vom Armloch her ist nicht wünschenswert. Diese würden nicht unseren Trachten entsprechen und nur störend wirken.“

Herantasten musste ich mich auch an die Ausschnittform und Tiefe. Mademoiselle hatte sich in der Zwischenzeit eine hochgeschlossene Bluse von Gottseidank ausgesucht. Das bedeutete, dass der Ausschnitt nicht allzu freizügig sein sollte. Schließlich diente mir der Ausschnitt eines Ballettrikots als Vorlage – das hat ganz gut funktioniert!

Während des Experimentierens und Ausprobierens hatte ich mit wachsenden Näh-Unlust zu kämpfen. Als unser angepasster Leiblschnitt endlich fertig war, wurde der Unwille so groß, dass das ganze Projekt zum Stillstand kam. Für mehrere Monate. Das schlechte Gewissen hat mich im Frühjahr dann doch wieder an die Nähmaschine getrieben. Aber es war ein zähes Ringen um jede Naht, bis das Leibl endlich fertig war.

Für Kittel (Rock) und Schürze gab es keine Schnittmuster, die bestehen aus einfachen Rechtecken. Mühsam war nur das Einhalten des Rockes von Hand. Entsprechend der Anleitung von Schöffer & Rosenberger habe ich dafür den sogenannten Hansl verwendet, ein karierter Stoffstreifen, der es erleichtert, mehrere Reihen gleichlanger Stiche untereinander zu setzen. Ich habe den Rock 5x gezogen. Bevor ich mich an das Zusammensetzen von Leibl und Kittel wagen konnte, musste ich wieder eine mehrwöchige Pause einlegen. (Ja, ich schäme ich für meine Zaghaftigkeit!)

Die Schürze war zum Schluss die einfachste Übung. An einem Wochenende hatte ich sie fertig. Als allerletzter Schritt musste der Kittel gesäumt werden – und zwar mit einem Kittelblech. Das Kittelblech ist ein 15 cm breiter Stoffstreifen, der „rechts auf rechts an der Rocksaumlinie angesteckt und mit der Maschine angesteppt“ wird. „Bügeln Sie die Nahtbreite von Kittel und Kittelblech aus und biegen Sie das Kittelblech so, daß dieses von der rechten Seite nicht sichtbar ist. Nun wird es gleich breit umgesteckt, geheftet und hohl angesäumt. … Ja und dies war auch schon der letzte Handgriff – das Dirndl ist fertig!“ Und ich habe dafür nur rund 8 Monate gebraucht.

Noch ein Wort zu den Fotos: Leider haben wir beide übersehen, dass sich am linken Ärmel der Bluse der Saum gelöst hatte. Und wir hätten das Dirndl vor dem Fotografieren noch einmal bügeln können. Mademoiselle hat außerdem in den letzten Wochen stressbedingt ein wenig abgenommen, weshalb das Leibl beim fertigen Dirndl nicht so schön knapp sitzt wie beim Probemodell. Aber dafür hat sie sich für das Fotoshooting eine passende Frisur gemacht!

Die Fakten
Schnittmuster: aus Christl Schöffer, Hannelore Rosenberger: Alte Volkskunst. Trachten aus und rund um Wien. Ein Werkbuch mit Schnittmusterbogen. Leopold Stocker Verlag, Graz 1985. Modifiziert.
Größe: 38 (laut Schnittmusterbogen) als Ausgangspunkt. Mademoiselle ist ca. 1,63 m groß und trägt normalerweise Größe 34. Eine Größe 38 aus dem Jahr 1985 ist also deutlich kleiner als eine Größe 38 heute.
Stoffe: Italienische Baumwolle in Anthrazit; schwarzer Leinen mit eingewebten Blümchenmuster, Seidenmischung in Altrosa. Baumwolle mit Vichykaro inr Rosa-Weiß (Futter für Leibl), schwarze Baumwollpopeline (Kittelblech).
Zubehör: 8 Metallknöpfe, Hansl, Nähgarn in Schwarz, Dunkelgrau und Altrosa, Kopflochgarn in Schwarz (Einreihen des Kittels).